Scientific Board

Wir danken unserem Scientific Board herzlich für die motivierende fachliche Unterstützung und Begleitung!

Nachstehend stellen wir Ihnen unser Board vor. Wir haben für die Wissenschaftler und Praktiker zwei Grundsatzfragen zu geschlechterspezifischer ZahnMedizin entwickelt und die Antworten hier beigefügt. Sie zeigen Facetten dessen, was sich an Aufgaben stellt.

Wo Frauen und Männer gleiche Bedürfnisse haben, sollen sie das gleiche Angebot erhalten. Wo sie unterschiedliche Bedürfnisse haben, brauchen sie differenzierte Angebote.

Für diese Thematik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde steht die wissenschaftliche Fachgesellschaft Gender Dentistry International.


 

Prof. Dr. Margrit-Ann Geibel, Universität Ulm

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Es überrascht mich als Wissenschaftlerin, wie dünn die Datenlage ist bzw wie wenig das erforschte Wissen zu diesem Thema gebündelt und aufbereitet wird.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Warum verlieren Frauen mehr Zähne, obwohl sie regelmäßiger zum Zahnarzt gehen?


 

Prof. Dr. mult. Dominik Groß, Universität Aachen

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Weil nur sie in der Lage ist, wichtige, den ZMK-Bereich betreffende Forschungslücken im Bereich genderspezifische Gesundheit (Frauengesundheit vs. Männergesundheit) zu schließen.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Mich interessieren 2 Fragen besonders: (1) Aus der Perspektive der PatientInnen: Haben weibliche Patientinnen andere Erwartungen bzw. Bedürfnisse an den Zahnarzt/die Zahnärztin als Männer? (2) Aus der Perspektive der ZahnärztInnen: Haben Frauen eine andere Motivation zum Studium der Zahnheilkunde als Männer?


 

PD Dr. Gerhard Iglhaut, Memmingen

Pastpräsident der DGI

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

In der Implantologie werden immer wieder geschlechterspezifische Problematiken, wie z. B. Osteoporose und andere hormonelle Einflüsse, aufgeworfen. Die Wundheilung und der Knochenstoffwechsel wird dadurch erheblich beeinflusst.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Ich würde mir eine wissenschaftliche Antwort auf die Ursachen und die Prevention von mittelfristigen, nichtentzündlichen periimplantären Knochenverlusten, die sehr umfangreich im zahnlosen Oberkiefer bei Frauen in der Postmenopause auftreten können, wünschen.

Bildquelle: DGI/Knipping


 

Prof. Dr. Dr. h.c. Georg Meyer, Universität Greifswald

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Geschlechterspezifische Fragestellungen sind in der gesamten Medizin und darüber hinausgehend von großer Bedeutung bei der Wichtung bestimmter Krankheitsbilder, was durch unsere epidemiologische Study of Health in Pomerania (SHIP) vielfältig belegt werden konnte. Es gilt natürlich auch für den Bereich Zahn-Mund-Kieferheilkunde, wo beispielsweise Frauen deutlich häufiger Kiefergelenksprobleme zeigten als Männer.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Neuer Forschungsbedarf könnte sich ergeben aus einer aktuellen Empfehlung der Amerikanischen Gesellschaft für Kindermedizin, der zufolge bei schwangeren Frauen möglichst keine Compositfüllungen eingesetzt werden sollten wegen dadurch vermuteter hormonartiger Wirkungen wegen darin enthaltener Bisphenol-A-Anteile und deren Derivaten. Auf diese und vergleichbaren Fragestellungen würde ich mir in möglichst naher Zukunft wissenschaftliche Antworten wünschen.


 

Prof. Dr. mult. Robert Sader, Universität Frankfurt

Präsident der DGÄZ

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Zahnärztinnen haben keinen besseren, aber einen anderen sozialen Umgang und eine andere Work-Life-Balance als Männer. In der Zahnmedizin wird dies das Selbstverständnis und die möglichen Berufsbilder im nächsten Jahrzehnt nachhaltig verändern.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Führt die Feminisierung der Zahnmedizin nicht nur zu neuen ergonomischen Anforderungen, sondern auch zu einer neuen ethischen Verantwortung in der Zahnmedizin ?


Prof. Dr. Meike Stiesch, Medizinische Hochschule Hannover

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Sowohl biologische als auch psychosoziale geschlechterspezifische Faktoren haben in der Zahnmedizin und Medizin einen Einfluss auf die Epidemiologie, Ätiologie aber auch den Verlauf von Erkrankungen. Ein besseres Verständnis geschlechterspezifischer Unterschiede kann somit eine unmittelbare Bedeutung für die Therapieentscheidung und damit für die Prognose des Patienten haben.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Um ein besseres Verständnis geschlechterspezifischer Unterschiede zu erlangen, sollte ein geschlechterspezifisches Vorgehen als Qualitätskriterium grundsätzlich in der zahnmedizinischen Forschung etabliert werden. Insbesondere der Einfluss des biologischen Geschlechts auf die Prävalenz Kraniomandibulärer Dysfunktionen sowie auf Mechanismen der Entstehung oraler Infektionen sollte in der Zukunft weiter aufgeklärt werden.

Bildquelle: MHH/Kaiser 


PD Dr. Anne Wolowski, Universität Münster

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

a) Berufspolitische Relevanz: Der Anteil von Männern und Frauen im Studium und Beruf war und ist zu keinem Zeitpunkt ausgeglichen. Die Entwicklung des Anteils von Männern und Frauen vom Studium zum Beruf folgt keinen logisch nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten.

b) Versorgungsspezifische Relevanz: Gesundheits- und Krankheitserleben sind geschlechtsabhängig und nehmen somit Einfluss von der Prophylaxe bis zur Nachsorge.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Intensives Nachdenken über diese Frage lässt für mich nur einen Schluss zu: Es ergeben sich täglich neue spannende Fragen, die es Wert sind, erforscht zu werden.


Zahnmedizin und Medizin sind sehr vielfältig miteinander verwoben: Was die Medizin an Wissen zu geschlechterspezifischen Unterschieden erworben hat, kann auch für die Zahnmedizin Relevanz haben - und umgekehrt. Zudem lassen sich viele Fragen im Bereich der Zahnmedizin nur mit dem Wissen der Medizin klären. Wir sind daher sehr glücklich, in geschlechterspezifischen Fragen außerordentlich erfahrene Wissenschaftlerinnen in unserem Board und an unserer Seite zu haben.

Hier stellen wir sie Ihnen vor:


Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Universität Wien

Link: www.meduniwien.ac.at/gender-medicine

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Geschlechterspezifische Analysen sind bisher selbst in großen Studienkollektiven kaum berücksichtigt worden - dennoch zeigen selbst post-hoc Analysen oft bedeutende Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Outcome Parametern großer Studien. Eine Vernächlässigung der Prüfung ob Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen bzw. ob die Ergebnisse vergleichbar sind, ist deshalb möglicherweise mit einer inadäquaten Diagnosemethode oder Therapie bei Frauen oder Männern verbunden. Da meist Männer in Studien inkludiert waren sind hier gerade Frauen betroffen. Deshalb haben sie besonders häufig Medikamentennebenwirkungen. Bei Osteoporose oder Depressionen sind allerdings Männer schlechter untersucht und oft unterdiagnostiziert.Bei Männern wie Frauen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigsten Todesursachen. Gerade in der kardiovaskulären Prävention sind Frauen in vielen Erhebungen schlechter behandelt. Erst wenn geschlechtsspezifische Analysen bereits im Studien-Design enthalten sind und adäquat durchgeführt werden, werden wir beurteilen können, bei welchen Erkrankungen Unterschiede besonders relevant sind und dann auch möglicherweise neue Therapieoptionen ableiten können. Gendermedizin muss Teil der neuen personalisierten Medizin sein.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Viele spannende Fragen sind derzeit völlig offen, da es zu wenig Daten gibt. Mich als Endokrinologin interessieren besonders die Unterschiede im Stoffwechsel. Frauen mit Diabetes haben einen ca. 3fach höheren Risikoanstieg für Herzinfarkt und Schlaganfall als Männer mit Diabetes verglichen mit gesunden Frauen und Männern, ihre Mortalität ist ebenso höher als bei Männern. Die Sexualhormone haben einen großen Einfluss auf Gewichtsentwicklung, Fettstoffwechsel und Diabetesrisiko und Gefäßkomplikationen. Übergewicht und Diabetes gehören zu den weltweit am stärksten ansteigenden Erkrankungen mit weitreichenden Gesundheitsschäden und erhöhter Mortalität. Sowohl biologische, als auch psychische und soziale Faktoren haben einen Einfluss mit deutlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Hier neue Erkenntnisse zu gewinnen und neue Behandlungsmethoden zu entwickeln, könnte die Lebensqualität beider Geschlechter verbessern.


Dr. Bärbel Miemietz, Medizinische Hochschule Hannover

Link: www.mh-hannover.de/geschlechtersensible-medizin.html

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Geschlechterspezifische Medizin ist wichtig, weil sie die Passgenauigkeit von Diagnose und Therapie, von Prävention und Rehabilitation erhöht und damit zugleich den Behandlungserfolg verbessert und die Kosten senkt. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn die Geschlechterperspektive in der Forschung ebenso wie in der Lehre als Qualitätskriterium konsequent berücksichtigt wird.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Spannend ist vor allem jede Fragestellung, die etwas über die Grenzen und Wechselwirkungen von 'sex' und 'gender' herausfindet. Welchen Anteil hat beispielsweise das geschlechterspezifisch erlernte Verhalten in der Zahnpflege, welchen Anteil die Biologie, speziell die hormonelle Situation auf die Mundgesundheit, und was lässt sich daraus theoretisch und methodisch für 'sex' und 'gender' als Forschungsgegenstand von Human- und Zahnmedizin ableiten?


Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Charité

Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM)

Link: www.gender.charite.de

Warum finden Sie geschlechtsspezifische Fragestellungen in der ZMK relevant?

Es gibt mindestens drei gute Gründe:

1. "Sex" (biologische Unterschiede) und "gender" (soziokulturelle Unterschiede) beeinflussen die Gesundheit und das Gesundheitsgefühl eines jeden Menschen ein Leben lang. 

2. Um eine gute klinische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, ist es essentiell, die Folgen des Einflusses von "sex" und "gender" auf das Krankheitsbild einer Patientin/ eines Patienten zu kennen.

3. Wissen über Geschlechterunterschiede in der Medizin ist fundamental, um politische Entscheidungsträger zu beraten, die sich für eine gleichberechtigte Gesundheitsversorgung weltweit einsetzen.

Auf welche Frage würden Sie sich selbst eine diesbezügliche wissenschaftliche Antwort wünschen?

Insbesondere im Bereich der Arzneimittelforschung gibt es große Defizite bezüglich der Erhebung und Auswertung geschlechtsspezifischer Daten. Eine Herausforderung liegt hier, gemeinsam mit den Verantwortlichen neue Strategien bei der Entwicklung und Testung von Arzneimitteln zu entwickeln. Dieser Ansatz könnte in Zukunft zu einer großen Menge neuer Daten und damit Erkenntnissen führen.